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"Dirigent Poschner macht Brahms fast zum Happening" - Berliner Morgenpost

Von Volker Tarnow - Gelungene Interpretationen von Johanns Brahms der 4. Symphonie sind selten. Dirigent Markus Poschner gelingt dieses Kunststück mit dem Konzerthausorchester Berlin – weil er auf Mätzchen verzichtet.

Die 4. Symphonie von Brahms wird oft gespielt, und fast genauso oft könnte man fragen: warum denn eigentlich? Seit ihrer Uraufführung 1885 ein Repertoirewerk, haben alle zweitklassigen Dirigenten und drittklassigen Orchester dieser Welt an dem Stück gefrevelt, selbst berühmten Pultgrößen fielen (und fallen) nicht immer überzeugende Lösungen ein. Umso erfreulicher ist es, das durch seine Klangarchitektonik und sein schwerblütiges Pathos so anspruchsvolle Werk endlich mal wieder in einer Interpretation zu erleben, die den Zauber der frühen Stunde besaß und jene Begeisterung weckte, wie man sie ansonsten eigentlich nur bei Uraufführungen oder beim allerersten Hören entwickelt.
Markus Poschner, deutscher Ausnahmedirigent unter den heute 40-Jährigen, und dem hingebungsvoll agierenden Konzerthausorchester Berlin gelang dieses Kunststück, weil sie sich einer genuin musikalischen Logik bedienten. Die üblichen Mätzchen wie zu schnelles und zu lautes oder gar extrem vibratoloses Spiel hat Poschner überhaupt nicht nötig. Gleich der erste Takt, der über das Schicksal jeder Vierten von Brahms entscheidet, traf den unverwechselbaren elegischen Tonfall: das zweitönige Motiv ist zwar piano und dolce zu spielen, muss jedoch bei aller lapidaren Kürze singen, birgt es doch den Charakter des Werkes, dessen überschwängliche Resignation, wie eine Keimzelle in sich. Hinreißend, weil gleichermaßen zart wie großmächtig, klang dann auch Haydns Oxford-Symphonie. Markus Poschner dachte sie von Beethoven her, befreite Haydn also von dem Ruf, ein etwas langweiliger symphonischer Leichtfuß zu sein.
Vergnüglich genug ging es also demnach im Konzerthaus zu. Evelyn Glennie darf als berufene Solistin dieses Konzertes gelten, doch die Bedienung ihrer zehn Instrumente artete streckenweise in ein Happening aus. Das lenkte, leider, ein wenig vom wahren Happening ab, von der Musik.

| 01.11.2011

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